Cyclop – Sachbericht „Musical / Theater & Vertonen von Szenen“

Beide Workshops waren gut besucht, bis auf Ausnahmen. Die Teilnehmer_Innen (TN) waren motiviert und haben gern mitgearbeitet.

Neben der Thematik, die sie angesprochen hat, war sicher auch die von Anfang an gut passende Gruppenzusammensetzung und -dynamik mit entscheidend für die Intensität und das Gelingen der Workshops. Die Teilnehmer hatten unterschiedliche kulturelle Hintergründe und brachten ihre dadurch geprägten Vorlieben und Fragestellungen in die Workshops ein.

Dadurch bekamen alle z.B. eine gewisse Ahnung von italienischen Opern oder den Werken des finnischen Komponisten Jean Sibelius und lernten diese bis zu einem gewissen Grade lieben, da unsere finnische bzw. eine der italienischen TN diese leidenschaftlich vorstellen konnten.

Ebenso unterschieden sich die fachlichen Fähig- und Fertigkeiten. Während die einen in Schülertheatergruppen aktiv waren, ein Instrument spielten, sangen oder tanzten und bereits praktische Erfahrungen damit gemacht hatten, ein Musical bzw. Musiktheater zu entwickeln, zu proben und aufzuführen, hatten andere sehr wenig bis keine Erfahrung. Zwei der jungen Frauen kamen zuerst nur mit, weil ihre Freundinnen dabei waren. Einer wollte auf jeden Fall Musical studieren und nahm diese Workshops wahr, um seine Kenntnisse und Fertigkeiten zu erweitern. Manche Momente der Workshops wirkten dadurch wie eine Jam oder ein Training, wo jeder jedem das beibringt, was er so kann.

Die beiden Workshops waren aufeinander aufgebaut. Der Musical / Theater Workshop hatte einen größeren musikhistorisch- und theoretisch-analytischen Teil, der zweite war praktisch orientiert.

Es ging in den Workshops nicht darum, ein eigenes Musical zu entwickeln oder neu zu inszenieren, um es irgendwann aufzuführen. Stattdessen wollten wir uns spielerisch-analytisch durch mehr oder weniger bekannter Musicals, Musik- und Tanztheaterstücke bewegen, um kennenzulernen, welche Entwicklung das Musiktheater genommen hat und nimmt und welche Möglichkeiten der Gestaltung und Inszenierung von musikalischem Theater denkbar sind. Durch den Besuch verschiedener Aufführungen, das Anhören von Tonträgern, Lesen von Textbüchern und Ansehen von Filmen bekamen die Teilnehmer einen Einblick in die Vielfalt des Musiktheaters und genügend Spielmaterial für die Workshops.

Rocky Horror Picture Show

Die Teilnehmer waren zwar sehr offen, unterschiedliche Stile anzuhören, doch war natürlich ihre Aufmerksamkeit und ihr Urteil von ihrem eigenen Musikgeschmack bestimmt.

Mit oder ohne Analyse hören und sehen sich die wenigsten 17- oder 18jährigen freiwillig z.B. eine 50er Jahre Inszenierung von Annie get your Gun oder ein Musical von Andrew Lloyd Webber an. Musik, Musicals und ihre Inszenierungen sind ja immer auch Ausdruck des Geschmacks der Zeit, der sehr oft ein paar Jahre später nicht mehr besonders zugänglich ist und eher belächelt als respektiert wird. Welches Werk dann für die Ewigkeit geschrieben ist, stellt sich trotz aller gegenteiliger Bekundungen und Werbemaßnahmen ja erst eine Weile später heraus.

Da es unmöglich ist (und im Falle der Mainstream Musicals auch zu teuer), die ganze Palette zu erfahren und zu bearbeiten, beschränkten wir uns hauptsächlich auf Ton- und Bildträgern verewigten und verfilmten Inszenierungen. Es gibt ja eine Reihe guter und durch immer wieder neue Inszenierungen oft auch bekannter Stücke.

So haben wir z.B. die West Side Story und die Rocky Horror Picture Show als bekannte und stilprägende Musicals ihrer Zeit über einige Wochen bearbeitet, andere wiederum nur für ein oder zwei Workshoptage.

Cyclop - musical01

Nach der theoretischen Aufbereitung und Aufarbeitung genossen alle das Nachspielen von Szenen, Songs und Choreographien. Der Umstand, dass wir nicht auf ein fertig zustellendes Produkt hinarbeiteten, ermöglichte es, mit den verschiedenen Rollen und Situationen herumzuspielen und (nicht nur) die musikalischen Teile der Stücke sinnlich zu erfahren.

Diese Form der praktischen Adaption machte Musiktheater für die Teilnehmer erfahrbar. Da die Fertigkeiten der wenigsten musikalisch, tänzerisch oder schauspielerisch allzu weit über engagiert mit gutem Willen herausragten, und die jungen Frauen und Männer sich dessen auch einigermaßen bewusst waren, wurde viel und ausgiebig gelacht und (oft auch unfreiwillig) parodiert. Auch konnte unsere musikalische Workshopbegleitung mit Keyboard, Bassgitarre und Mikros nicht mit den nicht selten orchestralen Arrangements konkurrieren, doch genügte sie vollkommen, um Einsätze zu proben, eine (Minimal)Begleitung und unterschiedliche Stile in Zusammenhang zu bringen.

In den Workshopgruppen kristallisierte sich schnell heraus, dass die jungen Frauen Zugang zu Stücken und Szenen vor allem über Dialoge, Songtexte und Choreographien fanden; die jungen Männer dagegen eher über die Musik, ihre Rhythmen und Arrangements. Das lag sicher u.a. daran, dass keine der jungen Frauen ein Instrument spielte oder irgendwo – außer mit iPod, youtube und in der Disco – Musik machte, während zwei ihrer männlichen Altersgenossen in einer Band spielten und zwei weitere bei Schultheaterinszenierungen in der Schulband spielten. Diese unterschiedlichen Erfahrungen brachten unterschiedliche Ansätze hervor und führten in der praktischen Workshoparbeit dazu, dass die TN vor allem beim Workshop „Musical/Theater“ bei Analyse und Nachspielen von Szenen und Choreographien aktiver waren, während die Teilnehmer beim zweiten Workshop „Vertonen von Szenen“ ihre Stärken besser einzusetzen wussten.

Cyclop - musical02

Mit der Zeit und den guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit wurden die Unterschiede weniger auffallend. Die Teilnehmer brachten sich gegenseitig ihre Vorlieben und Sichtwei-sen näher. Das gute Verständnis untereinander machte es einfach, diese zu respektieren und sich zu trauen, sie auch selbst auszuprobieren.

Eine Folge dessen war, dass allen mehr an den Stücken auffiel. Nach und nach erschlossen sie sich weitere Zusammenhänge; z.B. lernten sich einige stark für den (musik)historischen Kontext zu interessieren und die Stücke auf Hinweise und Zitate abzuklopfen.

Das größte Problem bei beiden Workshops war die große Fülle von Material und Musik-beispielen. Die begrenzten Fähigkeiten der Teilnehmer brachten es mit sich, dass vieles nur theoretisch erschlossen werden konnte, trotz des zu jedem Workshop gehörenden intensiven Warm-ups und Tanz-, Schauspiel- und musikalischen Übungen. Andererseits war dies vielleicht die Stärke der Teilnehmer, die nicht durch eine bestimmte Schule oder Technik voreingenommen waren und die Workshops (nach mehr oder weniger kurzer Zeit) relativ vorurteilslos mitmachen konnten.

Von den meisten kam der Wunsch weiterzumachen. Dies mit dem Ziel das Erfahrene umzusetzen und ein experimentelles Musiktheater zu entwickeln, das mit verschiedenen Stilen spielt. Da für fast alle jetzt Klausuren und Abitur anstehen, ist es nicht wirklich absehbar, ob und wann etwas daraus wird.

Auf jeden Fall war es für den Dozenten eine gute und bereichernde Erfahrung, mit dieser Gruppe interessierter und wissbegieriger junger Leute zu arbeiten. Es hat viel Spaß gemacht.

 

Karl-Heinz Haase

 

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